Zusammenfassung des Vortrags von Prof. Dr. Gudrun Krämer

"Von Einheit und Vielfalt: Der Islam als Religion und Lebensordnung"

Das Verhältnis zwischen der muslimischen Welt - im besonderen der arabischen - auf der einen Seite und Europa - im besonderen Deutschland - auf der anderen, ist voller Irritationen auf beiden Seiten. Der Islam wird bei uns häufig mit Gewalt und Aggression identifiziert. Auf Muslime wirkt diese Haltung oft so, als wolle der Westen nur das Negative an ihnen sehen und sie fühlen sich dann veranlasst, wenn nicht gar gezwungen, sich zu rechtfertigen, sich auch apologetisch darzustellen.

Diese wechselseitigen Wahrnehmungen sind stark von Gefühlen getragen, die durchaus eine Verankerung in der Realität haben. Die Kenntnis über den Islam ist in der bundesdeutschen Gesellschaft begrenzt. In einem groben Überblick kann ich nur einige Aspekte behandeln, die ich für unsere Fragestellung für wichtig halte, wie wir einen Dialog mit mehr Einfühlungsgabe führen können.

Dabei stellt sich z. B. für den Literaturwissenschaftler Edward Said schon die Frage, ob es überhaupt sinnvoll und legitim sei, über Islam zu sprechen, Islam als einheitliche Größe zu betrachten, weil man dadurch die sehr reiche Kultur vereinheitliche, sie reduziere und dadurch nur Unverständnis gestiftet werde. Auf diesen Orientalismusstreit will ich hier nicht näher eingehen sondern versuchen, das Großthema Islam ein wenig aufzubrechen und unter Berücksichtigung der Said-Kritik von drei Dingen intensiver zu sprechen:

- der normativen Tradition, also den Textgrundlagen des Islam

- der Praxis, die von dieser Tradition getrennt zu betrachten ist

- den Vorstellungen, die heute über Islam und richtiges islamisches Leben bestehen.

Prof. Dr. Gudrun KrämerIslam, als verbindliche Norm muslimischen Lebens, ist ganz maßgeblich gestiftet durch eine Offenbarungsschrift und eine ergänzende Tradition. Insoweit ist die Grundlage für jeden, der in christlicher Tradition aufgewachsen ist, einfach nachvollziehbar. Schwierigkeiten im gegenseitigen Verständnis rühren von dem unterschiedlichen Textverständnis des Christen und des Muslim: der Koran ist nach muslimischer Auffassung die direkte Rede Gottes an den Gläubigen, während die Bibel nach (mehrheitlicher) Auffassung der Christen in einem langen Prozess von Menschen zusammengestellt und redigiert wurde. Der Koran ist einem einzigen Menschen, Mohammed als Gesandtem Gottes, geoffenbart und innerhalb von 20 Jahren in verbindlicher Form niedergeschrieben und in Buchform gebracht worden. Daraus ergibt sich nach moslemischer Auffassung der besondere Charakter des Koran als Wort Gottes, das nicht hinterfragt oder in Frage gestellt wird während die Heilige Schrift der Bibel sich zwar auf Gott beruft, aber doch von Menschen zusammengestellt ist und deshalb der Interpretation unterliegen muss.

Neben dem Text des Koran steht die Überlieferung (Sunna) dessen, was Mohammed als Gesandter Gottes und als dessen letzter Prophet gesagt, getan und nach muslimischer Überzeugung unmittelbar aus göttlicher Offenbarung den Gläubigen überliefert hat. Diese Textorientierung im Islam hat auch für das kulturelle Leben größte Bedeutung, denn die Rezitation des Koran war stilbildend in dem Sinne, dass sie in Poesie, Literatur, politischer Rede den sprachlichen Ausdruck prägte. Hingegen hat die Musik im engeren religiösen Bereich keinen besonderen Stellenwert. Der Koran bietet jedoch keine Begründung für ein Verbot der Musik. Eine Einschränkung gilt für die darstellende Kunst im Hinblick auf die Abbildung lebender Wesen. Die Auffassung, dass Bilder im religiösen Kontext überhaupt fehl am Platze seien, ist eine Erklärung dafür, dass in den Moscheen keine Bilder zu sehen sind. Daraus kann jedoch nicht auf ein Bilderverbot bzw. eine grundsätzliche Kunstfeindlichkeit geschlossen werden, denn wie sonst könnte die außergewöhnliche künstlerische Kreativität und Produktion in Architektur, Kalligraphie und Ornamentik erklärt werden.

Diese Text- und Wortorientierung im Islam ist auch grundlegend dafür, wie das Verhältnis zu anderen Religionen eingestuft wird. Für deren Anerkennung als Religion ist aus moslemischer Sicht erforderlich, dass ein Gott verehrt wird und eine Offenbarungsschrift gegeben ist. Nur in diesem Rahmen können für Muslime religiöses Handeln, Denken und Empfinden normative Traditionen begründen, die in Koran und Sunna bzw. Bibel und Thora ihre Basis haben.
Neben dieser Schriftorientierung im "Hochislam" war die Macht heiliger Personen wie auch der Magie im "Volksislam" von größter Bedeutung für muslimisches Selbstverständnis. Diese Unterscheidung beruht auf der gängigen Vorstellung, dass der Muslim oder die Muslima, die nicht lesen und schreiben konnten, den Weg zu Gott im Volksislam durch die Vermittlung von Heiligen oder durch bestimmte magische Praktiken zu finden suchten. Insbesondere wenn man den Islam historisch betrachtet, gewinnt diese Orientierung an lebenden Vorbildern an Bedeutung und trägt zu dem Gesamtbild bei, dass der Islam in der Vergangenheit in unterschiedlicher Weise verstanden und gelebt wurde und auch heute die Praxis von 1,2 Milliarden Muslimen überaus vielfältig ist.
Die dagegen von Islamisten ? also politischen im Namen des Islam auftretenden Aktivisten, viele nennen sie auch Fundamentalisten ? behauptete Einheit des Islam gibt es nicht. Es kann nur immer wieder daran erinnert werden, dass die Pluralität im Islam vielleicht mehr als z.B. im Christentum angelegt und gelebt wird; denn in einer ländlichen moslemischen Gesellschaft in Malaysia werden andere Dinge für fundamental, für identitätsstiftend, für islamisch erklärt als in einem städtischen Milieu in Kairo. Wenn es also keine einheitliche islamische Denk- und Lebensweise gibt, wo liegt dann der einheitsstiftende, normative Kern?

Muslim ist, wer das Glaubensbekenntnis spricht: "Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein  Prophet." Dieses Bekenntnis ist für die meisten Muslime heute, war aber auch in der Vergangenheit hinreichend, um zur Gemeinschaft der Muslime zu gehören. Die weitergehende Forderung, dass z.B. die Verletzung der islamischen Rechts- und Werteordnung (Scharia) als Verrat am Islam angesehen und deshalb bekämpft werden müsse, ist eine Minderheitenposition. Mehrheitlich wird allerdings auch vertreten, dass der Glaube an den einen Gott und seinen Propheten seinen Niederschlag im Verhalten finden muss, dass also Islam durch das richtige Glaubensbekenntnis konstituiert wird, dass aber zum Glauben richtiges Handeln hinzutreten muss.

Diese Fragen nach der richtigen islamischen Lebensführung und des Verhältnisses von Religion und Politik bestimmen die inner-moslemische Auseinandersetzung ebenso wie die Befragung der Muslime von außen. Nur die Fundamentalisten haben darauf eine einfache Antwort, weil sie davon ausgehen, dass der Islam eine in sich geschlossene, kohärente Lebensordnung darstelle, die nicht individuell gelebt werden könne sondern kollektiv umzusetzen sei. Islam müsse als umfassende Lebensordnung Gesetz, Politik, Staat und Wirtschaft einer islamischen Gesellschaft prägen und gestalten.
Die Kurzformel lautet: Scharia müsse angewandt werden. Dies ist eine Formel der politischen Auseinandersetzung. Es werden keine Erklärungen gegeben. Stattdessen wird Eindeutigkeit und Klarheit suggeriert und in dieser Form von vielen auch aufgegriffen.

13.1.jpg (52327 Byte) Die Mehrheit der Muslime verbindet jedoch mit Scharia etwas ganz anderes als viele westliche Betrachter. Sie denken nicht an abgehackte Hände und ausgepeitschte Rücken, sondern sie denken daran, dass die Scharia ethische Werte verkörpert wie z.B. Achtung vor dem Nächsten, Eltern- und Kindesliebe, Hinwendung zu Schwachen, Armen und Kranken. Sie glauben, dass durch eine Anwendung der Scharia Rechtlosigkeit, Unterdrückung und Ungerechtigkeit beseitigt werden könne; denn für sie handelt es sich um eine göttliche Werte-Ordnung. Zur Scharia zählen auch praktische Normen und Weisungen, die moslemisches Leben in all seinen Formen inspirieren, wenn nicht ganz konkret gestalten sollen. Diese auf individueller Ebene zu leistenden Pflichten sind die sog. "Fünf Säulen" des Islam: Glaubensbekenntnis, fünfmaliges Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, Almosenabgabe, Pilgerfahrt nach Mekka.

Neben ethischen Werten und religiösen Pflichten gehört eine dritte Komponente zur Scharia. Sie handelt von Rechtsnormen wie Familien- und Strafrecht. Bekanntlich enthalten diese Rechtsnormen drakonische Körper- und Todesstrafen, die im achten, neunten oder zehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung sicherlich keine Wimper haben zucken lassen, weil sie für damaliges Rechtsempfinden vollkommen selbstverständlich, in mancher Hinsicht sogar zivilisierter als in anderen Rechtsordnungen. Das betrifft z.B. Frauen, denen ein eigenständiges Erbrecht zugesprochen wurde.

Heute aber zucken viele Wimpern, moslemische wie nicht-moslemische-, wenn man von diesen Strafen spricht, denn für unser heutiges Rechtsempfinden ist schwer erträglich, dass Körperstrafen bis zur Amputation der Hand durchgeführt werden sollen, weil Gott der Herr es im Koran so festgelegt habe. Da diese Vorschriften explizit Bestandteile der Scharia sind, ergibt sich die Frage, wie der Einzelne damit umgeht, woran er denkt bei der Forderung, dass die Scharia anzuwenden ist.

Denkt er in erster Linie an die ethischen Werte und religiösen Pflichten, oder hat er ein ganz integrales Bild, zu dem dann auch die Körperstrafen zählen? Diese Frage, was Scharia ist und wie umfassend sie definiert wird, beschäftigt die Diskussion innerhalb und außerhalb der muslimischen Gesellschaft. Sie wird in Pakistan, Iran, Ägypten oder Sudan - Staaten, die nach eigenem Bekunden Scharia anwenden ?  unterschiedlich beantwortet. In Ägypten werden keine Hände abgehackt, in der islamischen Republik Iran ist das Handabhacken nicht im Strafgesetz enthalten, im Sudan oder in Pakistan hingegen werden diese drakonischen Körperstrafen angewandt.

Diese unterschiedliche Anwendung von Scharia-Vorschriften ist abhängig von der Frage, inwieweit Moralvorstellungen und Rechtsnormen miteinander verknüpft sind, ob es eine Deckungsgleichheit von Moralempfinden einerseits und juristischer Norm andererseits gibt. Verkürzt dargestellt: ist die Scharia integral anzuwenden oder geht es um deren Grundsätze, welches sind die Grundsätze? Nur Islamisten haben darauf eindeutige Antworten; islamische Juristen bestreiten die Deckungsgleichheit von Moral und Rechtsnorm.

Daraus ergibt sich das weitere Problem, woher der Gesetzgeber so genau wissen will, was Gott der Herr in Rechtsfragen wollte. Kann es Gottes Wille sein, dass jeder banale Diebstahl in dieser drakonischen Form bestraft werde? Die Juristen haben von Anfang an den Tatbestand des Diebstahls so eingeengt, dass Handabhacken in der Regel nicht als Strafe angewandt werden konnte. Doch wie ist der Wille Gottes zu erkennen und wer erkennt ihn? Wie ist der Unterschied zu erkennen zwischen dem, was explizit im Koran steht und als Gottes Wille unantastbar, heilig, ewig gültig auf der einen Seite steht, und dem menschlichen Verständnis auf der anderen Seite? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den zu suchenden Antworten für die Gesellschaftsordnung, für die Rechtsordnung eines Staates?

Schließlich ist zu fragen, wie flächendeckend und dicht Gott menschliches Verhalten hat reglementieren wollen. Die einen vertreten die Auffassung, dass vor Gott nichts zweitrangig sei und leiten daraus z.B. die Pflicht für eine bestimmte Kleiderordnung ab. Für sie gibt es zu jeder Lebensäußerung, und sei sie auch noch so banal, eine klare Anweisung durch das Wort Gottes im Koran sowie durch die Handlung des Propheten in der Sunna. Der Muslim müsse nur gründlich genug studieren.

Die Gegenmeinung ? hier sehr verkürzt vorgetragen ? vertritt die Auffassung, dass Gott nicht kleinlich ist, sich nicht für die Länge des Obergewandes interessiere, ob es nun den Köchel bedecke oder nicht. Gott hat im Koran Grundwerte übermittelt, die für die islamische Ethik die Prinzipien von Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Solidarität fordern. Darüber hinaus, so wird argumentiert, gibt es noch verbindliche Leitlinien im Koran wie z.B. Anstand, Rücksichtnahme, partnerschaftliches Verhältnis in der Ehe, Fürsorge für Kinder, Alte und Schwache. Alles andere sei menschliche Auslegung oder zeitgebundene Weisung und von Gott so formuliert, dass es für die Menschen im siebten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung in Mekka und Medina verständlich war.

Diese Position gibt dem Muslim im 21. Jhdt. im Prinzip enorm viel Handlungsfreiheit. Die Grundwerte liegen so und so fest, ihre Umsetzung ist ganz variabel und muss mit Blick auf die Gegebenheiten islamisch gelöst werden. Die hier angesprochenen Extrempositionen ? Identität von Moral und Recht, Gleichsetzung von göttlicher Setzung und menschlichem Verständnis, flächendeckend respektive sehr weit gespanntes Scharia-Verständnis ? sind natürlich in der islamischen Welt Gegenstand von intensiven Debatten. Sie haben gravierende Auswirkungen auf das künstlerische, akademische, das familiäre Leben und die Rechtsordnung der Staaten.

Leider spiegeln sich diese Gegensätze auch im Handeln von politischen Aktivisten wider, die auf der ganzen Welt als Islamisten oder Fundamentalisten mit dem Anspruch auftreten, dass Islam und Staat in ganz eindeutiger Weise miteinander verknüpft seien. Es gibt aber auch ganz andere Stimmen wie z.B. den Zentralrat der Muslime in Deutschland.

Im Februar 2002 wurde eine "islamische Charta" veröffentlicht, in der eine muslimische Position zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und zu ihrer Existenz als Muslime in der Diaspora postuliert wurde. In dieser Charta ist zu lesen, dass eine muslimische Identität angestrebt werde, dass die deutsche Rechtsordnung einschließlich Familien- und Erbrecht anerkannt werde (von einem islamischen Strafrecht ist überhaupt nicht die Rede), dass keine Forderung bestehe nach Legalisierung der Mehrehe, dass die deutsche Gesetzgebung und Rechtsprechung akzeptiert werde, dass man Religionsfreiheit anerkenne einschließlich des Rechts, seine Religion zu wechseln, also auch das Recht als Moslem entweder einer anderen Religion beizutreten oder überhaupt keine Religion zu haben.

Diese schon fast sensationellen Positionen zeigen, dass in diesen Fragen nachgedacht wird, dass sie von großer Brisanz in den islamischen Staaten, aber auch in Europa und dem amerikanischen Kontinent sind.

Fazit: Wäre der Islam so einfältig wie manche seiner lautesten Repräsentanten suggerieren, dann müsste man einen solchen Vortrag nicht halten, dann wäre die Lage in den moslemischen Ländern auch nicht so kompliziert wie sie in Wirklichkeit ist. Man muss sich mit dieser Vielfalt beschäftigen, muss überhaupt erst einmal hinhören, hinsehen und nicht seinerseits mit festgefügten Urteilen daherkommen, was der Islam könne, ob er gefährlich sei oder nicht. Das macht Mühe, weil die Verhältnisse auf beiden Seiten nicht entkrampft sind, weil auf beiden Seiten so viele Vorbehalte und Ressentiments bestehen. Wir ? Muslime und Nicht-Muslime ? müssen uns dieser Mühe unterwerfen. Anders kann ein Dialog nicht geführt werden.