Worauf habe ich mich da bloß eingelassen ?!
Dies ist der Gedanke, den ich seit der Zugfahrt nach Weikersheim immer wieder leise in mir hörte. Ich hatte mich für einen arabisch-deutschen Kulturaustausch angemeldet. Was mich dort genau erwartete, wusste ich nicht. Um so überraschter war ich von der Vielfältigkeit der Eindrücke.
"Orient - Okzident", da denke ich an Agfan, die mir die Scharia aus dem "Holy Koran" mit solcher Ehrfurcht und Hingabe vorgelesen hat, dass ich vom Klang der Sprache, vom Klang ihrer Stimme und eben auch von dieser Hingabe fasziniert bin. Zum ersten Mal kann ich im Ansatz verstehen, warum der Koran nur in der Originalsprache gelesen werden sollte. Da denke ich einerseits an die Ägypterin, mit der ich gleich am zweiten Tag auf der Wiese hinter dem "Haus der Musik" liege. Wir liegen auf dem Rücken, schauen in den blauen Himmel und reden über Gott und die Welt. Wir tauschen unsere Sichtweisen aus über die Geschehnisse am 11. September, über die USA und ihr Bestreben überall in der Welt das Sagen zu haben, über die Medien und deren unterschiedliche Berichterstattungen, je nachdem ob es europäische, amerikanische oder ägyptische Sender sind. Wir diskutieren über die Rolle Europas und Deutschlands, über Afghanistan, den Irak und das Öl.
So erfahre ich aus erster Hand, was zumindest eine Ägypterin wirklich denkt, und was in der arabischen Welt aus ihrer Sicht vor sich geht. Warum lieben wir zwar die orientalische Musik, können aber nur allzu schwer verstehen, dass zu diesen Menschen eben auch andere Religions- und Moralvorstellungen gehören. Mit Agfan verbinde ich andererseits eine Mittagspause, in der ich mit ihr eine Stunde bei Schlecker auf dem Boden saß, um sie beim Großeinkauf von Shampoo, Haarspülung, Peeling und Süßigkeiten zu beraten.
Kann es nicht sein, dass, wenn wir alle Vorurteile ablegen und uns die arabische Seite unbelastet anschauen würden, eventuell dieser Welt auch was Positives abgewinnen könnten? Ich bin mir sicher, dass wir an einigen Stellen auch unsere eigenen Wertvorstellungen hinterfragen müssten. Durch "Orient - Okzident" merke ich, dass die orientalische Bevölkerung ein unheimliches Bedürfnis danach hat, sich der "westlichen Welt" zu erklären und zu erzählen wer sie wirklich sind. Kein Wunder, was wissen wir schon über diese Kultur(en).
"Orient - Okzident", das bedeutet ständig und immer "Yallah, Yallah" ("schnell, schnell"). Und trotzdem kommt nie und nimmer Hektik auf. Auch nicht, wenn zum Zeitpunkt, an dem die Kurse beginnen sollten, noch immer die Hälfte beim Frühstück sitzt, oder die Sonne auf der Bank vor dem "Haus der Musik" genießt. Wir alle versuchten, uns zwischen Sabah al-hayr - Bonjour - Good morning und Guten Morgen zurecht zu finden. "Was hast du gesagt nine (= 9) oder nein?" Da soll sich noch einer auskennen. Glücklicherweise war das arabische "tissa" (= 9) eindeutig. Und immer wieder die Frage: Is it pork?"
Wir wurden dazu herausgefordert, Aksak und Leila wirklich ohne Noten zu lernen und gleichzeitig dazu zu tanzen, dazu zu improvisieren und das ganze auch noch im 9/4- Takt. Es war gar nicht so leicht, aber hat man die Lieder auf diese Weise erst mal gelernt, vergisst man sie so schnell nicht wieder. Wir Deutschen wehrten uns zum Teil dagegen, dass nur die orientalische Musik "by heart" gelernt und gespielt wird, dass nur die Orientalen improvisieren können und dass die Deutschen keine oder nur schlechte Volksmusik hätten. Das stimmt so mit Sicherheit nicht. Nur wird die deutsche Volksmusik heutzutage selten praktiziert und meistens nur auf indiskutablem Niveau. Vielleicht hätten wir dann auch zu einem Zwiefachen oder zu einer Polka getanzt, so wie wir zusammen mit Dima aus Syrien arabische Tänze ausprobiert haben.
Zu "Orient - Okzident" gehörte, dass wir 9 Abende lang gemeinsam im Jeunesses Keller musizierten und improvisierten, solange bis wir vor lauter Vierteltonigkeit und Makams uns in unserer eigenen Dur-Moll-Tonalität nicht mehr zurecht fanden. Dazu gehörten aber auch die Fußballspiele in der Mittagspause, bei denen jeder mal Oliver Kahn, Zinedine Zidane oder Ronaldo sein wollte.
Vor allem aber wird uns unser eigenes Abschlusskonzert in Erinnerung bleiben, bei dem wirklich vierzig Musiker aus so unterschiedlichen Kulturen zusammen Musik gemacht haben, als ob es niemals irgendwelche Differenzen zwischen unseren Staaten gegeben hätte.
"Orient - Okzident" hat auch Auswirkungen auf die Zeit nach dem Kurs: So rückt beispielsweise Palästina näher, wenn ich weiß, dass Issa nach Ende des Kurses nicht zurück in seine Heimat fliegen konnte, da die Lage, wie er von seinem Vater erfahren hatte, im Moment zu gefährlich war.
Auch Wochen nach dem Kurs sind die Diskussionen neu entfacht, als ich bei einem Orchesterkollegen ein Buch von Gudrun Krämer liegen sehe und ihm von dem Kurs und den Vorträgen erzähle. Auch die leitende Frage der Podiumsdiskussion "Arabisch-deutscher Dialog - Was ist zu tun?" beschäftigt uns weiter. Schade, dass die arabischen Gäste schon abreisen mussten, als diese Diskussion stattfand. Schade, dass die interessanten Wortveranstaltungen überwiegend in deutscher Sprach stattfanden. Ich bin sehr froh, dass ich durch "Orient - Okzident" den arabisch deutschen Dialog wirklich leben kann.
So bleibt mir zum Schluss nur noch zu sagen: "Ich wusste nicht, worauf ich mich einlassen würde, doch im Nachhinein kann ich nur betonen: es hat sich in jedem Fall gelohnt, die zehn Tage in Weikersheim zu verbringen!
Ich hoffe wir sehen uns alle wieder. In sa? allah!!!!
von Gudrun Wagner
Die Chance, theoretische Fragestellungen zu orientalischer Musik gemeinsam zu erörtern, sollte mehr genutzt werden.
Wünschenswert sind zahlreicherere Improvisationsstunden der orientalischen mit den westlichen Musikern.
Treffen der Dozenten längere Zeit vor Beginn des Projektes, um geeignete Vorschläge für die Workshops zu unterbreiten, welche die Beiträge der teilnehmenden Nationen zum Projektinhalt aufeinander abstimmen.
Tägliche Abstimmungen der Dozenten im Hinblick auf Ablauf unf Fortschritte der Workshops sowie die Erarbeitung von Vorschlägen für die nächste Weikersheimer-Begegnun g.
Teilnahme zusätzlicher Dozenten aus anderen Ländern, z.B. Iran, Afrika und Südamerika.
Palestina: Issa Murad, Wael Abu Sal?oum (Oud), Wafa Zaghal (Kanoun)
Ägypten: Agfan Taha Mohamed Afifi (Gesang), Hazim Husain Abd El-Wahab Shahin (Oud), Imad Hamdi Mohamed Al-Sayed (Kanoun), Hany Mohamed Mohamed Ahmed Bedair (Riqq)
Syrien: Mazen Salman, Samer Al Halbi, Jamal-Aldin Bishr (Oud), Dima Mawazini (Kanoun), Toni Al Amir (Riqq, Tabla, Deff)
Libanon: Ali Hassan, Haifa Bourjeily, Rania Kallab (Violine), Mariam Ghandour (Oboe), Abir Nehmé (Gesang)
Frankreich: Yann Mercati (Viola), Ismael Robert (Zarbe)
Geutschland: Gudrun Wagner (Flöte), Robert Beck (Klarinette), Gudrun Jeggle, Henrik Haluza (Violine), Anne Heinrich, Jörg Krah, Mareike Hackstein, (Violoncello), Peter Pudil (Kontrabass), Eva Geißler (Gesang/cKmposition), Katja Weise (Gesang), Anja Füsti, Sonja Boesnach (Schlagzeug)