Podiumsdiskussion: Arabisch-Deutscher Dialog

Was ist zu tun?

Auf diese Frage haben im Rahmen einer Podiumsdiskussion der ehemalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dr. Erhard Eppler, die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer sowie der Islam-Beauftragte im Auswärtigen Amt, Dr. Gunter Mulack Antworten gegeben. Hier eine Zusammenfassung der jeweiligen Beiträge:

Steinerner Gast im Dialog

Der Moderator Prof. Tono Eitel, Vorstandsmitglied der Stiftung Podium Junger Musiker, wies darauf hin, dass beim politischen Dialog mit den arabischen Ländern ständig ein "steinerner Gast" mit am Tische sitze, nämlich Israel. Seit Mozarts Don Giovanni wüssten wir, dass auch steinerne Gäste ihre Interessen sehr wirksam vertreten.

Hinhören statt Belehren

Frau Prof. Krämer begann ihren Beitrag mit dem Hinweis auf die dringende Notwendigkeit des Dialogs mit der arabischen Welt. Wir Deutschen hätten leider die Neigung,

Podiumsdiskussion

schnell in die Belehrung des Gegenüber zu gleiten. Es ginge aber vor allem darum, hinzuhören, um Einsichten zu gewinnen und nicht den oft geforderten Wandel durch Annäherung als Annäherung des Anderen an unsere Positionen zu erwarten.
Wir müssten z.B. erst einmal erfahren, was der viel zitierte und gescholtene Begriff der Scharia für die arabische Welt selbst bedeute und wieso sie von vielen als erstrebenswertes Rechtssystem dargestellt werde. Im übrigen könne man keinen Dialog mit "dem Islam" führen sondern nur mit Vertretern der arabischen Welt. Es wäre dabei hilfreich, sich gemeinsam auf Themen einzulassen, die in beiden Gesellschaften diskutiert werden und für beide brisant sind.

Der arabisch-israelische Konflikt dürfe nicht als "Wurmfortsatz deutscher Geschichte" verstanden werden. Palästina und Israel liegen im Nahen Osten und müssten mit dortigen Gegebenheiten in Einklang gebracht, mit dortigen Werten gesehen werden und nicht ausschließlich aus der deutschen Schuldperspektive. Wir wären gut beraten, uns für andere Sichtweisen, nämlich die der unmittelbar Betroffenen, zu öffnen.

Es sei absolut nötig, dem arabischen Gesprächspartner zu vermitteln, dass er ernst genommen und geachtet werde. Dazu müssten wir die "moralische Qualität des Zuhörens" noch mehr entwickeln.

Schlagworte hinterfragen

Dr. Mulack betonte, dass nach dem 11. September Dialoge erst recht nötig seien, um zu verstehen, wieso es zu diesem abgrundtiefen Hass auf die USA als dem Symbol westlicher Dominanz und Lebensordnung kommen konnte.
Selbstverständlich müsse der Terrorismus mit allen Mitteln bekämpft werden. Wir müßten uns aber auch mit den grundlegenden Fragen des Dialogs mit der islamischen Welt beschäftigen, um herauszufinden, was in den Köpfen dieser Menschen vorgehe. Deshalb hat auch das Außenministerium es für nötig erachtet, einen Arbeitsstab einzurichten, der sich mit den grundlegenden Fragen des Dialogs mit der islamischen Welt beschäftigt. Wir hätten viele Schlagworte im Kopf wie Scharia, Hände abhacken und Frauen steinigen, die nur dafür herhielten, ein Feindbild aufzubauen statt zueinander zu führen. Wir sollten vermeiden, die arabische Welt mit den Errungenschaften der westlichen Welt missionieren zu wollen. Besser sollten wir im Dialog Wege finden, nicht nur zu einem friedlichen Nebeneinander, sondern zu einem Miteinander. Dabei gehe es auch um Anerkennung der Leistungen, die aus der arabischen Welt kämen.
Den sehr geschichtsbewussten Arabern sei jeder Sieg und jede Niederlage in der Auseinandersetzung mit der westlichen Welt gegenwärtig. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina sei wieder ein Beispiel für diese Auseinandersetzung.

Dr. Mulack fasste seine 10-jährige Erfahrung in der arabischen Welt so zusammen, dass wir im Dialog sehr wohl hilfreich sein können bei der Suche nach Konzepten, die den gescheiterten Sozialismus und Nationalismus durch andere Formen des gesellschaftlichen Lebens ersetzen und in denen Menschen in Frieden und Würde existieren können. Einen Dialog könne man aber nur mit jemandem führen, der im eigenen Land schon eine Dialog-Kultur habe. Also bestehe auch die Aufgabe, den Dialog innerhalb der arabischen Welt zu fördern, um den Weg für eine Zivilgesellschaft freier Menschen zu bereiten und die Modernisierung voranzutreiben.

Wie ein kürzlich erschienener Bericht der UNO, von Arabern unter der Leitung einer Jordanierin formuliert, deutlich zeige, sind sich Araber sehr wohl der Defizite in ihren Gesellschaften bewusst, die nicht Folgen großer Armut sondern undemokratischer Regierungsführung sowie mangelnder Freiheit seien.

Terror als Folge von Demütigungen

17.1.jpg (58194 Byte) Dr. Eppler bestand darauf, dass wir unterscheiden müssen zwischen dem christlich-islamischen, dem westlich ?islamischen und dem deutsch ?arabischen Dialog, denn nicht alle Araber sind Muslime und nicht alle Muslime sind Araber.
Der Islam habe auch immer mit Europa zu tun; man denke an Spanien und Südosteuropa. Dennoch müssten wir Deutschen uns noch an eine Moschee in einer fränkischen Stadt gewöhnen. Wir hätten viel weniger als die Franzosen ein Gespür dafür, dass die Araber die wichtigsten südlichen Nachbarn sind. Aber ein Staat wie der unsere, im Dienste keiner Religion, jeder Religion aber Raum und Schutz bietend, müsse nach innen kompromisslos sein in der Forderung der Anerkennung der Gesetze und der Verfassung der säkularen, pluralistischen Demokratie. Deshalb könne die Scharia hier auch keine Anwendung finden.
Dr. Eppler nahm auch Stellung zu dem mehrfach zitierten "steinernen Gast" in unserem Dialog mit der arabischen Welt. In seinen Augen ist ein wesentlicher Impuls für die Gründung des Staates Israel der Holocaust gewesen. Er habe den fanatischen Willen der Juden geformt, sich nie wieder wehrlos abschlachten zu lassen, sich nicht auf die internationale Gemeinschaft zu verlassen sondern nur auf die eigenen Waffen. Dennoch hält er Sharon für ein Unglück für Israel, da er die Juden auf der ganzen Welt in eine Isolierung führe und Ressentiments aufbauen helfe, mit denen noch Generationen zu kämpfen haben würden. Dr. Eppler hält es für legitim und wichtig, dass die Araber in den deutsch ?israelischen Dialog einbezogen werden. Auch die Angst, dann abgestempelt zu werden, solle uns nicht davon abhalten.

Der islamistische Terror sei eine Folge tiefer Demütigungen, ob nur gefühlt oder wirklich, sei - wie wir aus unserer eigenen Geschichte haben lernen müssen- dabei irrelevant. Die Deutschen hätten sich durch den Versailler Vertrag gedemütigt gefühlt; ohne diese Demütigung wäre Hitler nicht möglich gewesen.

Jeder deutsch-arabische Dialog müsse versuchen, Demütigungen zu vermeiden.